© 2017 Kadie Schmidt-Hackenberg

Die Stadtbilder

Ich beschäftige mich schon viele Jahren mit dem Thema "Stadt". Für mich sind

Städte nicht nur mehr oder weniger planvolle Aneinanderreihungen von Häusern.

Ich nehme sie als riesige, lebendige Organismen wahr. Sie haben eine Seele. 

Sie wachsen, verändern sich und irgendwann sterben sie wieder. Aber vor allem

gehen sie eine Beziehung mit ihren Bewohnern ein.

Ich stelle mir vor, dass Städte sich in einzelne Menschen verlieben. Manchmal

geschieht wohl auch genau das Gegenteil. 

 

Meine Stadtbilder sind erzählerische Arbeiten, denen solche Ideen von Verschmelzung

oder Abstoßung zugrunde liegen. Wenn man noch tiefer schürfen möchte, dann ist darin

auch ein uraltes Gefühl von Heimatlosigkeit zu finden, das ich immer wieder neu bearbeite.

Formal stehen hier ausnahmsweise meine Fotografien am Anfang des Arbeitsprozesses. 

Sie entstehen auf meinen Reisen. Zuhause wähle ich am Computer Ausschnitte von

Gebäuden aus, die ich bearbeite und mit Zeichnungen und malerischen Strukturen

zu großformatigen digitalen Collagen verschmelze. 

 

Die Stadtbilder, Text von Manuela Lintl, Berlin

 

In dem 2008 begonnenen Werkzyklus „Stadtbilder“ beschäftigt sich die in Hannover lebende Künstlerin nicht mit Ansichten konkreter Metropolen wie etwa New York oder Berlin, sondern mit dem Archetypus Stadt. Ein Thema, dem Kadie Schmidt-Hackenberg bereits seit ihrer Abschlussarbeit 1998 nachspürt und immer wieder neue Impulse abgewinnt. "Ich habe ein gespaltenes Verhältnis zu Großstädten, sie erfüllen mich gleichzeitig mit Hoffnung und Frustration. Vielleicht weil ich das Gefühl von Heimatlosigkeit noch nirgends abschütteln konnte.“ Dieses ambivalente Verhältnis zu urbanen Lebensräumen kommt auch in den Arbeiten der Künstlerin zum Ausdruck. 

Die Geschichte der Moderne ist eng mit der städtischen Kultur verbunden. Entscheidende künstlerische Innovationen fanden in Metropolen wie Paris, Berlin oder New York statt. Auch die Wahrnehmung von Großstadt war und ist bedeutend für die Entstehung von künstlerischen Strömungen und die Arbeit von Künstlern. Übergreifend für die bildenden Künste und ihre Nachbardisziplinen war der urbane Raum ein wichtiger Bezugspunkt und fand Eingang in theoretische Reflexionen. Die Großstadt bildete sich nicht nur figürlich in Werken ab, sondern auch Geschwindigkeit, Verkehr, Bebauung inspirierten zu neuen künstlerischen Ausdrucksweisen.Das Phänomen Großstadt fungierte als Motor für die Künste der Moderne (Expressionismus, Futurismus, Neue Sachlichkeit etc.) und ist bis heute Gegenstand vielfältiger künstlerischer Auseinandersetzungen vor allem im Zusammenhang mit der voranschreitenden globalen Verstädterung.

Vor diesem Hintergrund wird das eigenwillige, frische und karikaturhafte von Kadie Schmidt-Hackenbergs Stadtbildern deutlich. Ihre Collagen atmen eine große Leichtigkeit und sind ganz dem Gefühl oder der Stimmung in einem flüchtigen Augenblick verschrieben. Die Figuren sind keine Porträts sonder eher Typen von Großstadtbewohnern. Da werden Gesichter auf übergroße Augen und Nase reduziert oder Körper zu einer reinen, wie schwerelos wirkenden Konturlinie transformiert. Die Menschen stehen zumeist als stille Beobachter einem dichten architektonischen Konglomerat von Stadt gegenüber, werden davon angesogen oder abgestoßen. Die Stadtfragmente wirken beengt, so als gebe es keine Straßen und Plätze zwischen den Häuseransammlungen, die sich dramatisch zu schichten und aufzutürmen scheinen, mitunter aber auch als reine Luftschlösser erweisen können